Berlin, Friedrichstraße
Berlin-Friedrichstraße, 10117 Berlin, Deutschland
  • Geschichte
  • Ort

Flucht, Angst und endlich Sicherheit

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Am 22. Dezember 1958 floh die junge Luise Justen, gerade einmal sechzehnjährig, alleine mit dem Zug von Eberswalde in den Westen von ihrer brutalen Pflegetante weg zu ihrer Mutter. „In der S-Bahn schon gingen dann die Schupos mit den Schäferhunden durch, die haben mich schon angeguckt, morgens um halb fünf in der S-Bahn als junges Mädchen mit 16 Jahren. Und dann bei der Friedrichsstraße, so hieß der Bahnhof, jetzt musst du raus, da bin ich raus. Mir hat das Herz geklopft bis zum Hals hoch vor Aufregung. Diese Stunde Fahrt war voller Angst, voller richtiger Angst. Überall hast du gedacht 'Jetzt kommen sie, jetzt nehmen sie dich fest und schaffen dich nach Sibirien.' Dann habe ich auf dem Bahnsteig gestanden und aus Verzweiflung einen Apfel gegessen - das hat der Pfarrer auch gesagt, ‚Nimm den Apfel raus und iss, damit du Ruhe ausstrahlst, das ist sehr wichtig.‘ Dann kam nach einer Ewigkeit endlich ein Mann, den ich aber vorher nie gesehen hatte. Und das war der Pfarrer von Westberlin, denn die beiden Pfarrer haben ja zusammen gearbeitet. ‚Rotes Kopftuch, folge mir.‘ Die vereinbarte Parole. Ich habe nichts gesagt, ich habe ihn beobachtet und bin ihm nachgegangen. Die Treppe runter, dann wieder links rum und auf der anderen Seite wieder rechts die Treppen hoch. Dann ist er mit einem Mal stehen geblieben und sagte: ‚So, Kind, jetzt bist du sicher. Jetzt kannst du zu mir kommen, jetzt bist du in dem Westen.‘"

Luise Justen

Luise Justen

Luise Justen wurde am 16.05.1944 in Eberswalde bei Berlin geboren. Als Nachkriegskind aufgewachsen und in einer schwierigen Pflegefamilie aufgezogen, war ihre Kindheit von Entbehrungen und Gewalt geprägt. Schon früh hatte sie deshalb den Wunsch, zu ihrer leiblichen Mutter in den Westen zu gehen und wurde bei der Fluchtplanung von einem Pfarrer unterstützt. Nach drei Jahren der Vorbereitung flüchtete sie schließlich, sechzehnjährig, am 22.12.1959 mit der S-Bahn über den Bahnhof Berlin-Friedrichstraße in den Westen nach Bernkastel-Kues. Dort arbeitete sie dann unter anderem als Hauswirtschafterin, bevor sie schließlich Felix Justen, einen Freund ihrer Mutter, heiratete. Sie bekamen zusammen drei Kinder, bevor sie sich letztendlich entschloss, vor dem tyrannischen Schwiegervater mit ihren Kindern zu fliehen. Sie verließ ihren Mann und zog mit ihren Kindern nach Wiesbaden-Medenbach, wo sie bis heute lebt.

Berlin, Friedrichstraße

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Der S-Bahnhof Berlin-Friedrichstraße war zu Zeiten des Eisernen Vorhangs der letzte Bahnhof in der DDR vor der Grenze nach West-Berlin. Er stellte eine der wichtigsten Übergangsstellen zwischen Ost- und West-Berlin dar. Ab 1945 flüchteten hier noch viele Menschen aus der DDR in den Westen. Die Inbetriebnahme der Mauer ab August 1961 teilte den Bahnhof allerdings in zwei Teile und machte ihn von einem Durchgangsbahnhof zum Kopfbahnhof und zum Grenzübergang für Reisende aus beiden Teilen Berlins. Zwei getrennte Bahnhofsbereiche entstanden – einer für die West- und einer für die Ost-Reisenden, wobei der Kontakt zwischen den beiden Bereichen nicht möglich war. Aufgrund der unzähligen Abschiede, die Menschen hier bis 1989 von ihren Verwandten und Bekannten nehmen mussten, nannte man den S-Bahnhof „Tränenpalast“.

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